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26.06.2014

Regelmäßiger Besuch aus Svensk

„Die Kinder sind eine Bereicherung"

2014-06-26 kolbe kFamilie Kolbe aus Ottmarsbocholt nimmt seit Jahren Kinder aus Svensk auf. Dabei ist, trotz anfänglicher Barrieren, ein inniges Verhältnis entstanden.
Seitdem sie sechs Jahre alt ist, ist Irena jedes Jahr für mindestens vier Wochen von zu Hause weg – nicht, um Urlaub zu machen. Eine Luftveränderung ist wichtig für die 16-Jährige. Rund 1500 Kilometer von Zuhause entfernt, tankt ihr geschwächter Körper Energie. Sie baut ihr angeschlagenes Immunsystem wieder auf.

Einmal im Jahr kann Irena Tschernobyl hinter sich lassen. Ihr Körper regeneriert, bevor sie die Vergangenheit nach ein paar Wochen wieder einholt. Im Rahmen der Sendener Initiative „Den Kindern von Tschernobyl" kommt Irena gemeinsam mit rund 20 bis 30 Kindern aus Svensk jedes Jahr in die Gemeinde Senden. Familie Kolbe aus Ottmarsbocholt ist für Irena fast wie eine zweite Familie geworden.

Es ist eine Herzensangelegenheit für Familie Kolbe, Kindern aus der verseuchten Region um Tschernobyl zu helfen. Seit Jahren betreuen Ingrid und Heinrich Kolbe zwei Kinder. Ilona ist zwölf Jahre. Das Schulkind besucht ihre Gastfamilie jetzt das vierte Mal. „Es ist einfacher, zwei Kinder zu betreuen", hat die Mutter von drei mittlerweile erwachsenen Kindern festgestellt. „Sie können sich untereinander verständigen und einander helfen."

Ingrid Kolbe lehnt sich in ihrem Gartenstuhl zurück. Sie denkt nach, schwelgt in Erinnerungen. „Ich weiß noch, als Irena klein war. Sie war das erste Mal bei uns als sie neun Jahre alt war."

Die Anfänge seien nicht so einfach gewesen. „Man ist anfangs unsicher und angespannt. Man weiß nicht, was auf einen zukommt." Auch sprachliche Barrieren habe es gegeben. „Aber mittlerweile läuft alles super."

Interesse, Gasteltern zu werden, hatte das Ehepaar schon lange. „Wir haben es nur nie in die Tat umgesetzt", erläutert Ingrid Kolbe. Erst durch einen Aufruf in der Zeitung und einen Anstoß ihrer Kinder sei das Ganze ins Rollen gekommen. „Wir haben es angepackt und nie bereut." Ganz im Gegenteil: „Die Kinder sind eine Bereicherung." Es sollte mehr Familien geben, die sich für die Kinder der Sendener Initiative engagieren, meint Ingrid Kolbe.

Die Mutter weiß auch, dass ihre eigenen Kinder einen großen Anteil daran haben, dass Zuhause alles reibungslos läuft. „Ohne Nadine und Meike wäre das nicht möglich. Die beiden unterstützen uns sehr."

Mit der Coesfelder Initiative war Nadine Kolbe sogar vergangenes Jahr selbst vor Ort, in Svensk. „Es war sehr interessant. Das Leben ist ein ganz anderes", berichtet sie. Die 27-Jährige hat die Folgen der Tschernobyl-Katastrophe von 1986 hautnah erlebt. „16 Dörfer rund um Svensk sind abgesiedelt. Die Ortschaften sind bis heute gesperrt. Niemand darf sich dort aufhalten. Bagger haben alles platt gemacht. Da ist nichts mehr."

Im August reist Nadine Kolbe erneut nach Svensk, dieses Jahr mit ihrer Schwester Meike. Sie wollen Irena, Ilona und die anderen Kinder besuchen, die jedes Jahr nach Senden kommen.

► Die Sendener Initiative „Den Kindern von Tschernobyl" betreut seit 1992 in jedem Jahr eine Gruppe von Kindern aus Svensk und Umgebung. Sie bereitet den Kindern einen erholsamen Aufenthalt in Senden. Die meisten Kinder in den belasteten Gebieten verfügen über geschwächtes Immunsystem. „Tschernobyl ist nicht vorbei", sagt Andrea Paschke von der Sendener Initiative. „Es wird noch Jahre und Jahrzehnte andauern."

Allein in der Tschernobyl-Region komme man seit 1986 auf 83 000 Kinder, die mit genetischen Schäden geboren werden. Von den heute in den kontaminierten Gebieten lebenden Kindern sei nur jedes Zehnte gesund. Die Kindererholungsmaßnahmen führten insbesondere durch die Aufnahme unbelasteter Nahrungsmittel zur Stärkung des Immunsystems, aber auch frische Luft und Lebensfreude würden den Kindern helfen, ihre gesundheitliche Situation nachweislich zu verbessern. Der Schuldirektor in Svensk bestätigte gegenüber der Sendener Initiative, dass die Kinder, die einmal im Jahr nach Senden kommen, bedeutend seltener erkranken als andere Schüler.

 

Bericht + Foto: WN/Daniela Reichert