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Do. , 08. Dez. 2022



Rudi Kock erzählt von seiner aktiven Zeit im alten Amtshaus

Gebäude mit Geschichte(n)

amthaus1 k2022 10 13 rudi kockSeit rund drei Jahrzehnten steht das alte Amtshaus inzwischen leer und verkommt immer mehr zur Ruine. Aktuell berät die Kommunalpolitik über den Erhalt des Gebäudes an der Kirchstraße, das – so lautet die in einem von fünf Ottmarsbocholtern gestellten Antrag formulierte Idee – als Stätte für Bürger und Vereine mit neuem Leben gefüllt werden könnte.

Als es noch der Gemeindeverwaltung diente, ging Rudi Kock dort ein und aus. In dem 1927 für diesen Zweck errichteten Klinkerbau begann er 1954 seine Lehre und hatte bis 1975, also bis zur Eingemeindung Ottmarsbocholts nach Senden und der damit verbundenen Zusammenlegung der Verwaltungen, seinen Arbeitsplatz als Amtsangestellter. Bis Ende der 80er gab der heute 83-Jährige an dieser Stelle noch Sprechstunden. Bis etwa 2004 wurde das alte Amtshaus noch als Nebenstelle der Gemeindeverwaltung genutzt.

Hinter den Fenstern

„Ich war bestimmt seit zehn Jahren nicht mehr drin“, verrät Kock, der noch immer einen Schlüssel besitzt. „Jetzt bekomme ich die Tür nicht mehr auf, weil sich das Holz so stark verzogen hat.“ Wie das Gebäude heute von innen aussieht, kann der frühere Amtsangestellte also nur erahnen. Aber wie es damals war, als er dort seiner Arbeit nachgegangen ist, weiß er noch ganz genau.

„Hinter diesen drei Fenstern waren das Sozialamt, früher hieß das Fürsorgeamt, das Standesamt und das Ordnungsamt“, erklärt Kock, welche Räume zur Kirchstraße rausgingen. Auf der anderen Seite befanden sich das Büro für Haushaltskasse und Rechnungswesen, das er sich mit einem Kollegen teilte, sowie das Chefzimmer und zur Kirche hin die einzige Toilette. Im oberen Stockwerk befand sich die „Aktenbude“, die nur über den Flur des Nebengebäudes zu erreichen war. „Dort haben sich zwei Dienstwohnungen für die beiden Lehrer befunden, die an der alten Schule unterrichtet haben“, erklärt Kock. Auch dieses Haus steht heute leer. „In der Aktenbude staubte es damals wie der Deibel“, erinnert sich der Ottmarsbocholter und verrät, dass sich dort noch immer Papiere befinden müssen. „Nur die aktuellen Akten wurden damals mit nach Senden genommen.“ Das einst genutzte Mobiliar stehe zum Teil noch an Ort und Stelle, darunter der Tresor im Chefzimmer. Auch eine Rechenmaschine vermutet Kock im alten Amtshaus.amthaus2 g

Das kleinste Amt

Er blickt gerne auf die Zeit zurück und lobt vor allem den kollegialen Zusammenhalt. „Wir waren nicht die kleinste Gemeinde, aber das kleinste Amt in NRW – zuständig für Ottmarsbocholt und die Venne“, informiert Kock. Das alte Amtshaus war Arbeitsplatz für sechs Bedienstete, ergänzt durch einen Amtsboten und einen Gemeindemitarbeiter im Außendienst, der Verkehrsschilder richtete oder Gullys reinigte. „Was alles so anstand.“ Wenn jemand ausgefallen sei, hätten die anderen seine Aufgaben miterledigt. „So habe ich auch ganz viele Urkunden für das Standesamt geschrieben“, berichtet Kock. Wenn ein Geburts- oder Namenstag anstand, sei es nach Feierabend noch zu Rahsing gegangen, der Gaststätte gegenüber.

Dass er auf viele Fragen eine Antwort wusste, brachte dem Amtsangestellten seinen Spitznamen ein – kleiner Bürgermeister. Der sei entstanden, weil Bernhard Brüse – der zu Beginn von Kocks beruflicher Laufbahn der Bürgermeister von Ottmarsbocholt und als Amtsdirektor für die Gemeindeverwaltung zuständig war – immer dann, wenn er ratlos gewesen sei, gesagt habe: „Da sitzt der Rudi, der weiß das“, zitiert Kock seinen früheren Vorgesetzten. „Ich wusste auch nicht alles. Aber ich habe mich so lange drangesetzt und rumgefragt, bis ich helfen konnte. So wurde ich zum kleinen Bürgermeister.“ Eine goldene Regel befolgt er bis heute: „Was hier gesagt wird, darfst du draußen nicht erzählen. Da gilt nach wie vor das Amtsgeheimnis.“

Thema im Bezirksausschuss

Bei einer möglichen Sanierung seiner alten Arbeitsstätte, ist Kock überzeugt, würden hohe Kosten entstehen. „Sicherlich sind die Balken so kaputt, dass man sie nicht erhalten kann“, vermutet er. „Das Gebäude wurde so abgesichert, dass es nicht verfällt“, versichert die Gemeinde auf WN-Nachfrage. Eine Sanierung mache aus Sicht der Verantwortlichen in der Verwaltung nur Sinn, wenn auch das Nachbargebäude mitbetrachtet würde. „Dies ist allerdings in Privatbesitz“, heißt es aus dem Rathaus.

Zuletzt wurde das Thema im Bezirksausschuss besprochen, in dessen Sitzung Klaus Mende als stellvertretender Fachbereichsleiter Planen, Bauen und Umwelt, einen Bericht abgab und über den aktuellen Stand der Dinge nach einem ersten Treffen mit den Antragstellern informierte. „Neben den Bedarfen nach Lagerräumen und/oder Archiven konnten denkbare Nutzungen nur sehr vage beschrieben werden, sodass zunächst in den weiteren Beratungen über ein schlüssiges Nutzungskonzept diskutiert werden sollte“, erklärte Mende. Für den Schutz des Gebäudes seien verschiedene Sofortmaßnahmen aus „Bordmitteln“ durchgeführt worden, die ausreichend Raum für eine ausführliche Beratung geben würden.

Quelle: Westfälische Nachrichten / Heidrun Riese