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Mo. , 24. Jul. 2017


Portrait Strontianit 

strontianit gStrontianit-Bergbau in Ottmarsbocholt (1883 - 1919)

Das neue Wohngebiet  an der  Nordkirchener  Straße heißt künftig  "Strontianitfeld".  Mit  der  Namensgebung  und diesem  Artikel  wollen  wir  einige  der  wirtschaftlich turbulentesten Jahre Ottmarsbocholts im Bewusstsein der Bevölkerung für die Zukunft erhalten:

"Dat is jä Strunz" soll ein Knecht des Bauern Bracht beim Pflügen eines Ackers ausgerufen haben, als er unter seiner Pflugschar  ein knirschendes Stück milchiges Mineral,  was im Volksmund  auch als  "Silbersteine"  bezeichnet  wurde, fand.

Strontianit ist ein selten vorkommendes Mineral. Sein Vorkommen wurde zuerst im Zusammenhang mit dem Bleierzabbau  in  Schottland  bekannt.  Seinen  Namen  hat  es  vom ersten  Fundort,  dem Dorf Strontian, an der Westküste Schottlands gelegen, erhalten. 

Strontianit  ist  ein kohlensaures Strontium (SrCO3).  Es ist  ein durchsichtiges  bis  durchscheinendes Mineral von meist weißer, grauer, rötlicher oder grünlicher Farbe.
Bedeutsame Fundorte Ende des 19. Jahrhunderts lagen in Deutschland, Österreich und Nordamerika. Das Strontianit-Vorkommen im Münsterland ist  bislang das einzige in der  Welt geblieben,  wo es in solcher Menge und Beschaffenheit auftrat, dass es für den Bergbau in Frage kam und bergmännisch gewonnen werden konnte.

Strontianit  hat  vielerlei  Verwendung  gefunden.  In  pharmazeutischen  Laboratorien  und  der Feuerwerksindustrie wurde es eingesetzt.  In der Stahlindustrie wurde Strontianit verwandt  um eine bessere Entschwefelung des Stahles zu erreichen und in der Glasindustrie fand es Verwendung. Die größte Menge wurde aber ab 1871 in der Zuckergewinnung gebraucht, um Zucker aus der Melasse zu gewinnen. Melasse enthält ca. 48 bis 50 % Zucker. "Durch Kristallisation ist aus Melasse der Zucker nicht mehr zu gewinnen. Durch die Zusetzung von Strontianit, dass für die Zuckergewinnung vorerst einen chemischen Prozess durchmacht, findet aus der konzentrierten Melasselösung eine Ausscheidung des  Zuckergehaltes  bis  zu 99  % statt."  So  Dr.  Heinrich Böhmer  im Heimatkalender  des  Kreises Lüdinghausen von 1929.

strontianitabbau01 kMit der Entwicklung des Strontianitabbaus erlebte der alte Kreis Lüdinghausen, besonders die Region Drensteinfurt, Ascheberg und Ottmarsbocholt eine wirtschaftliche Blüte. In Ottmarsbocholt wurde ab ca. 1880 mit Bohrungen und dem Bau von Schächten begonnen. Sie erreichten eine Tiefe von ca. 60 bis 80 und manchmal mehr Metern. Die Ganglängen lagen zwischen einigen hundert Metern und ein bis zwei  Kilometern.  Ottmarsbocholt  lag  während  der  Zeit  des  Strontianitabbaus  im Mittelpunkt  des Geschehens. Eine Kölner- und eine Berliner-Gesellschaft betrieben mit ihren Ingenieuren und Arbeitern aus dem Aachener Raum und Mitteldeutschland die Gruben. Auch viele Einheimische fanden eine gut bezahlte Arbeit als Fuhrleute, Waldarbeiter, Schreiner, im Sägereibetrieb und auch im Gaststätten- und Beherbergungsgewerbe. Nach den vorliegenden Tabellen wurden auf der Grube "Elise" auf Grund und Boden von Schulte-Vorwick von 1883 bis 1896 35.000 t und auf der Grube "Anton" bei Bracht 3.000 t von 1907 bis 1911 und während des Ersten Weltkrieges von 1914 bis 1919 gefördert. In den Jahren 1882 bis 1884 waren über 500 Arbeiter durch die Kölner-Gesellschaft in den verschiedensten Gewerken beschäftigt. Die Intensität des Abbaus in Ottmarsbocholt ist auf die tiefen Abbausohlen und die Reinheit des Strontianitvorkommens zurückzuführen.

Strontianit  war  Eigentum des Grundbesitzers auf  dessen Grund und Boden der  Fundort  lag.  Einige haben gut daran verdient, weitere Bauern und kleine Privatfirmen haben ihr Glück versucht aber nicht viel Strontianit gefunden.

Das Schachtgerüst mit der Brücke zur Abraumhalde, das Maschinenhaus und die Nebengebäude waren fast überall nur aus Holz errichtet. Nachdem es um 1885 in England und auf Sizilien gelungen war Cölestin (schwefelsaures Strontium) preisgünstiger abzubauen und zu veredeln wurden hier die Strontianitpreise gedrückt und der Abbau allmählich zurückgefahren.

Heute erinnern uns noch einige kleine von Gestrüpp überwucherte Halden, z. B. beim Hof Baumeister oder in der Nähe von Bracht, an den Strontianitbergbau in Ottmarsbocholt. In Zukunft wird auch diese Straßenbezeichnung die Erinnerung an eine kurze aber  stürmische industrielle Entwicklung bei  uns wachhalten.