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Mi. , 20. Sept. 2017



Dr. Stefania Cutuli promovierte über Masematte

Sardinien, Ottmarsbocholt und Masematte

2009-stefania-cutuli-masematte kMasematte? Da denkt man an Schausteller, Hausierer und Pferdehändler, die diese Geheimsprache einst genutzt haben. Aber niemand denkt beim Stichwort „Masematte“ an eine junge Italienerin. Ein Fehler. Denn es gibt sie, diese junge Italienerin, der Worte wie „jovel“ und „Leeze“ genauso locker über die Lippen gehen wie „si“ und „no“ – und die mehr über die Masematte weiß als die meisten Münsteraner. Dr. Stefania Cutuli (31) hat über die münsterische Masematte promoviert. Der Titel ihrer Doktorarbeit: „Masematte: Lingua segreta ma non solo“. Auf gut Deutsch: „Masematte: eine Geheimsprache – aber nicht nur“. Seit zwei Jahren lebt die Italienerin mit ihrem Mann Günter in Ottmarsbocholt.

„Wir wollten ländlich wohnen und mehr Platz als in Münster haben. Hier in Ottmarsbocholt sind wir 100prozentig glücklich. Die Leute sind sehr sehr nett. Und hier an der Venner Straße haben wir so etwas wie eine ,Straßenfamilie’ gefunden“, erzählt die auf Sardinien geborene Stefania Cutuli, die als freie Journalistin für den WDR und die WN arbeitet.

Doch wie kommt eine junge Italienerin dazu, sich mit Masematte auseinanderzusetzen – einer Sprache, die früher von westfälischen Viehhändlern gesprochen wurde und heute allenfalls noch an münsterischen Theken gepflegt wird? Stefania Cutuli lächelt mit dem ganzen Charme, den ihr ihre sardische Heimat mitgegeben hat: „Es hat mich halt interessiert – nachdem ich irgendwann gemerkt hatte, dass ich selbst schon Masematte-Wörter in meinen deutschen Wortschatz aufgenommen hatte, ohne zu wissen, dass es Masematte war.“

Stefania Cutuli hat schon auf dem Gymnasium Deutsch gelernt und dann an der Universität Cagliari Fremdsprachen, Literaturwissenschaft und Germanistik studiert.Und bei zwei Auslandssemestern, die sie in Essen und Münster verbrachte, kamen ihr dann Wörter zu Ohren, die sich mit ihren bisherigen Deutschkenntnissen nicht ohne Weiteres vereinbaren ließen: ömmes und jovel, Leeze und Maimel. Die Neugier war geweckt. Die Linguistik-Studentin begann sich für die Hintergründe dieser Sondersprache zu interessieren – und kam so auf die Idee, die Masematte zum Thema ihrer Abschlussarbeit zu machen.

Mit Hilfe der Westfälischen Nachrichten fahndete die Italienerin nach Masematte-Sprechern. Und hatte Erfolg: „Die Leute waren sehr hilfsbereit, es haben sich viele gemeldet.“ Die meisten, so berichtet die 31-Jährige lächelnd, „fanden das sehr witzig, dass eine Italienerin über die Masematte forscht“.

Stefania Cutuli hat es nicht bereut, dass sie sich die Masematte vorgeknöpft hat: Über Goethe haben schon so viele geschrieben, sagt sie, aber dieses war ein besonders Thema, eines, das mit der Realität der Sprache zu tun hatte. Dass es ein besonderes Thema war, spürte sie auch, als sie vor der Prüfungskommission stand. Weil es in Cagliari aus naheliegenden Gründen keinen wirklichen Masematte-Experten gab, musste sie sich die meisten Fragen quasi selbst stellen . . .

Mittlerweile ist das Kapitel Masematte abgeschlossen – aber nicht vergessen, wie Stefania Cutuli betont. Und wenn sie mal am Samstag in Münster über den Wochenmarkt geht und dort hört, wie sich andere auf Masematte unterhalten – dann findet sie es selbst witzig und ein bisschen verrückt, dass ausgerechnet sie diese Sprache versteht.

 

WN vom 04.01.2009